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Die Reisen der Waldfrau

Die Kompanie Teatro dei Fauni hat ihre Produktion "Il bosco in valigia", zu Deutsch "Aus dem Wald der Träume", wieder aufgenommen. Die Uraufführung der ersten Version, nach einer Idee von Vrene Ryser, erfolgte 1992. 2002 gab es eine Kurzversion für die Expo02 in Yverdon les Bains und im Februar 2005 kam nun die dritte Version des Stückes zur Uraufführung. Die ursprüngliche Kerngeschichte: die Liebe zwischen einem Drachen und einem Zugvogel, wurde in andere Geschichten - mit anderen Figuren - eingebunden und letztlich hat nun die zentrale Erscheinung der Waldfrau einen weit höheren Stellenwert eingenommen.

Diese mythische Gestalt, die unter verschiedenen Namen in den südalpinen Regionen, von den Dolomiten bis in die französischen Alpen vorkommt, möchte die Notwendigkeit der Verbundenheit des Menschen mit der Natur vermitteln. Hierbei handelt es sich nicht nur um den ökologischen Aspekt, sondern auch um die emotionale Einbindung, die Vorstellungen und das tägliche Handeln der zeitgenössischen Generation von Männern, Frauen und Kindern. Die Figur der Waldfrau findet sich in vielen traditionellen Kulturen rund um den Erdball, wohl auch, weil, die Frau als Gebärende, als Lebensspenderin, das Geschlecht darstellt, welches als "eher naturverbunden" gilt: in den traditionellen Kulturen fällt den Frauen die Aufgabe zu, den Kontakt und Gleichklang zur Natur aufzubauen bzw. zu erhalten. Ich glaube, es ist möglich, dass die Negation dieser Rolle, die weit komplexer, als lediglich auf Fortpflanzung reduziert, ist - in vielen Frauen ein Unbehagen, eine Nutzlosigkeit oder eine Suche nach Verhaltensmustern, die letztendlich ihr Wohlbefinden gefährden, auslöst.

In weniger als einem Jahr wurde "Il bosco in valigia" nun in vier Sprachen (sowie Teilübersetzungen auf Türkisch und Madegassisch), in sechs Ländern unterschiedlichster Kulturen und in diesen Ländern in ländlichen und städtischen Kontexten, in Schulen und auf Plätzen sowie an internationalen Festivals, aufgeführt.

Dies hat mich dazu gebracht einige Überlegungen dazu anzustellen, welche Kraft und Wichtigkeit ein Stück erhält, wenn es, wie in diesem Fall, allgemeingültige Themen und kraftvolle Figuren beinhaltet. Dies sage ich nicht aus Überheblichkeit in bezug auf unser Stück, sondern wegen der ausserordentlichen Reaktionen und Begegnungen, welche ich erfahren durfte und die mich zum Nachdenken angeregt haben.

Durch die oftmals verkörperten Archetypen des Figurentheaters, hat dieses einen Zugang zu tieferen Wesenschichten des Zuschauers. Wenn nun ein Wesentyp dargestellt wird, den viele der Zuschauer in sich selbst vermissen (hier die Waldfrau bzw. die "wilde Frau") nähert sich das Theaterstück einem "rituellen Theater" an und eine hohe Intensität, sowohl für den Zuschauenden, wie für den Darstellenden, kann entstehen

In den ersten Jahren meines Puppenspielerinnenseins waren mir der Sinn dieses Berufes und seine Funktion in der Gesellschaft klar. Ich hatte das Glück, die ersten sieben Jahre meiner Tätigkeit, Vorstellungen auf den Plätzen der Städte und in entlegenen Ortschaften Ecuadors und Lateinamerikas zu geben. Seit ich - vor 20 Jahren - das Teatro dei Fauni gegründet habe, stellt sich mir immer wieder die Frage nach dem Sinn meines Schaffens. Diese Frage, die gleichzeitig subjektiv und objektiv ist, stellt sich, meiner Meinung nach, wohl vielen zeitgenössischen abendländischen Künstlern. Durch meine kürzlichen Erfahrungen, durch den speziellen Fall dieser Produktion bzw. die Öffnung, welche die Waldfrau in der Kommunikation in den Zuschauenden freisetzt und quasi alte antike Formen des Zusammenseins wiederbelebt, habe ich wieder zum Sinn meines Berufes gefunden. Ich erinnere mich an einen Text von Mircea Elide, in welchem sehr treffend der Moment beschrieben wird, in dem sich die chronologische Zeit auflöst, um der "Zeit des Mythos" Raum zu geben. In dieser "mystischen Zeit" unterbricht sich die Realität und der Kreis derer nimmt Oberhand, die hier und jetzt SIND, wie ein einziger Organismus. Die Formen dieses "Kreises" können verschiedene sein: vertrauliche, wilde, mitfühlende oder fröhliche, was aber letztendlich nicht wichtig ist. Ich glaube, wenn wir dies erreichen, dann erobert sich das Theater wieder einen tieferen Sinn - auch in unserer Gesellschaft der Eile und der Technologie. Ich wage zu sagen, dass wir - als Individuen dieser Gesellschaft - eben dieser Gelegenheiten bedürfen, in denen wir SEIN dürfen und das Theater bietet uns, auf einfache und althergebrachte Art und Weise, diese Gelegenheiten, sei es als Zuschauer, wie als Darsteller. Dazu dient das Theater!

MAI 2005, ISTANBUL/TÜRKEI

Eine immense Stadt mit einem chaotischem Verkehr und Fussgänger-Inseln in Form der Basare, wo das ständige Hupen vom Gedränge der sich ständig bewegenden Masse ersetzt wird. Zu Gast am internationalen Puppentheaterfestival Istanbul unter künstlerischer Leitung von Karagöz Cengiz Ozek. Die Atmosphäre des Lebensraum der Waldfrau zu erschaffen war - durch den Kontrast, relativ einfach. Vier Vorstellungen an absolut unterschiedlichen Orten. Das französische Kulturzentrum: Ein schöner gut ausgestatteter Saal, Schüler der höheren Klassen der französischen Schule - ruhige Vorstellungen von hoher Intensität und Kommunikation.

Die Disco eines grossen Einkaufszentrums: Kinder der Volksschulen, ruhelos, tobend, die Theatererfahrung wird zu einem Dialog-Spiel umgewandelt. Ein kleines Kulturzentrum in einem Aussenquartier: verschleierte Mütter mit ihren Kindern, die Aufmerksamkeit - stechend und zugleich erhellend wie ein Sonnenstrahl, die Atmosphäre - zart und familiär.

Ich selbst hatte nur einige Sätze auf türkisch auswendig gelernt, die ich zu den Figuren sagen konnte, so hatte ich, um mit mir auf der Bühne zu arbeiten und mit dem Publikum zu reden: Zeynep, eine junge Schauspielerin, die noch nie mit Figuren gearbeitet hatte, an meiner Seite. Ihr Enthusiasmus für diese Theaterform und die Art und Weise, in der wir gelernt haben in dieser kurzen Zeit zusammenzuarbeiten - eine meiner schönsten Erinnerungen.

Juli 2005, MADAGASKAR

Sonntag, der 26., nationaler Feiertag, am Vormittag im Stadion des Städtchens Antalaha, Aufmärsche der Schüler, alle in weiss gekleidet, mit Stechschritt hinter ihrer Standarte, danach die Arbeiter der Vanille-Fabrik, die Angestellten des Hotels am Strand, die Krankenhausangestellten - alle in Festtagskleidung oder Uniform hinter ihren Standarten. Um das Stadion herum, Stände mit Getränken und Lebensmitteln, am Nachmittag einige wenige Spiele: Fischen mit Reifen und Flaschen, Pétanque - eines der raren Erben der französischen Kolonialherren. Wir suchen uns an der Seite des Stadions, zum Meer hin, wo es ruhiger ist, einen kleinen Tisch und zwei Bierkisten um unser Bühnenbild aufzubauen. Noch bevor das Stück anfängt, werden wir von der neugierigen Menge fast erdrückt, es gelingt uns die Menschen in fünf oder sechs Reihen auf die Erde zu setzen, dahinter stehen sie, rundherum sitzen sie auf Mauern. Mitten in der Vorstellung muss ich abbrechen, ich bemerke, dass die vorn sitzenden Kinder riskieren, von der von hinten drückenden Menge, zerquetscht zu werden. Wir ziehen um - unter die leere Tribüne. Im nächsten Augenblick ist diese nun voll und auch um mich herum drängeln sich die Menschen, um besser sehen zu können, noch bevor ich weitermachen kann, bin ich von circa 600 Personen umgeben, definitiv zu viele für meine kleinen Figuren. Ein energischer, wenn auch etwas angetrunkener, Mann, nimmt die Rolle des Ordnungswächters ein und versucht, manchmal etwas rüde, die Menge zumindest auf einen Meter Distanz zu halten. Ich beginne eine Kurzvorstellung, 15 min, viel Mimik - kein Text, Begegnungen und Reaktionen der Puppen, Geräusche und Gesten, Spiel mit den nahestehenden Personen. Ich schliesse meinen Koffer, warte 5 min bis sich die Menge etwas zerstreut und beginne von vorn, etliche Male, bis es Nacht wird. Die Kraft, die mir abverlangt wird und die mir gleichzeitig gegeben wird, ist, in dieser für mich einzigartigen Art und Weise zu spielen, ungeheuerlich. Ich fühle meine Rolle ist weit grösser, als die der Unterhalterin, es ist, als ob das, was an diesem Tag, mit diesen Menschen, die noch nie Figurentheater gesehen habe, passiert ist - eine Art zauberhafter Ritus ist. Vor Aufregung konnte ich in der Nacht nicht schlafen. An diesem Tag fühlte ich mich wie eine Priesterin - ich werde es nie vergessen. Intensiv auch die Schulvorstellungen, mit dem Direktor als Schatten, denn auch wenn die offizielle Sprache Französisch ist, die Kinder verstehen es nur ein wenig.

Diese Erfahrung hat in mir den Wunsch geboren, das Wunderbare unseres Berufes, in Form von Workshops, mit Menschen und Ländern zu teilen, die diese Theaterform nicht kennen. Ich weiss nicht, ob ich die Kraft und Zeit habe ein solches Projekt, mit der damit verbundenen Geldersuche und Administration, auf die Beine zu stellen - so bin ich mich am umschauen, vielleicht findet sich ein bereits angedachtes oder begonnenes Projekt solcher Art, in welchem ich mitarbeiten kann?

SEPTEMBER 2005, KUBA

Die Erfahrung nach 12 Jahren Abwesenheit wieder nach Kuba zurückzukehren, war mehr als intensiv und dies nicht nur wegen des Hurrikans Rita. Die Ausgangslage der kubanischen Kultur hat sich verändert, heute ist die kubanische Kulturlandschaft viel freier und äusserst fruchtbar. Qualitativ hochstehende Produktionen und innovative Projekte finden sich auch ausserhalb der Festivals, die Theater von Havanna sind voller junger Leute und nach den Vorstellungen wird auf den Strassen und in den umliegenden Parks diskutiert. Fachzeitungen und -zeitschriften werden herausgegeben, dass man vor Neid nur erblassen kann, zumindest wenn man von einem Kontinent kommt, auf welchem Gleichgültigkeit vorherrscht... Auf Kuba ist Theater ein Instrument der Analyse und Kritik der Landes- und Weltpolitik. Nicht nur von den Künstlern, auch vom Publikum, wird grosses ziviles und soziales Interesse bekundet. Soweit ich gesehen habe sind einige Theater renoviert, andere arbeiten unter absolut prekären Bedingungen, vor allem was die technische und sanitäre Ausstattung betrifft. Dies scheint aber weder Zuschauer, noch Künstler oder Techniker abzuhalten, die an dem wunderbaren, auf Kuba so lebendigen und lebensbejahenden Ritus einer Theatervorstellung teilhaben wollen. Im historischen Zentrum Havannas, auf einem Gelände im Besitz der Kirche und Konvents S.Francesco wurde in unserem Beisein ein neuer Theatersaal eingeweiht. Der Bau konnte, auch dank Hilfe aus der Schweiz, eröffnet werden und ist gänzlich dem Kinder- und Jugendtheater gewidmet.

Vom 15. bis 25. September hat das Teatro dei Fauni am internationalen Theaterfestival von Havanna teilgenommen. Das Festival findet alle zwei Jahre statt und wird als eines der wichtigsten in Lateinamerika angesehen. Es werden Vorstellungen aller Stilrichtungen und Genres, vom Sprechtheater bis zum Maskenspiel, von der Pantomime bis zum Tanz, vom rituellen Theater bis zum Figurentheater, präsentiert. Dieses Jahr nahmen 50 Gruppen, davon 30 aus dem Ausland, von welchem wiederum circa die Hälfte aus Europa, teil. Aus diesem Anlass, wurde Santuzza Oberholzer mit der Medaille des Ehrengastes der Stadt Havanna ausgezeichnet: "für die Qualität und Sensibilität des im Festival dargebotenen Stückes und für die Freundschaft und Zusammenarbeit mit ehrenvollen Künstlers der Stadt".

Seit vielen Jahren kollaboriert das Teatro dei Fauni mit kubanischen Künstlern. U.a. mit dem Schriftsteller Gerardo Fulleda Leòn, der auch die spanische Übersetzung von "Il bosco in valigia" erarbeitet hat und "L'uccello del paradiso" geschrieben hat, uraufgeführt vom Teatro dei Fauni im Jahr 2000, in der Regie von Armando Morales. Für die französische Übersetzung dieses Stückes wurden wir von der Societé Suisse des Auteurs mit einem Preis ausgezeichnet.

Die ökonomische Situation Kubas erlaubt es leider noch nicht einmal einem Festival diesen Ranges den ausländischen Künstlern die Reisespesen zu erstatten. Animiert vom Prestige des Festivals und/oder aus Solidarität haben die ausländischen Gruppen auf eigene Kosten teilgenommen, auch wenn fast alle von den Regierungen oder Kulturaustauschprogrammen der Herkunftsländer unterstützt wurden. Das Teatro dei Fauni musste die Reisekosten aus eigener Tasche bestreiten...

Es hat sich gelohnt, nun hat die "Waldfrau" auch die grssblättrigen Bäume der Karibik in ihrem kleinen Koffer... In Kürze möchten wir den Schweizer Kindern zeigen, wie die Kinder der besuchten Länder leben - ein Schulprojekt in Planung.

Teatro dei Fauni

Santuzza Oberholzer